Martin Pesch on Thomas Kilpper´s don´t look back
Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Zu
Thomas Kilppers "Wo bitte
schön kann ich meine Grauwerte
wiederfinden?"
"Doch Grau enttäuscht auf farbigen
Vergrößerungen
immer, graue Töne sollte man möglichst
vermeiden,
warten, bis es aufklart."
Felix Philipp Ingold
Geschichte, sagt man, prägt. Der Gemeinplatz
vertuscht, was eigentlich
geschieht: Die Menschen prägen die Geschichte.
Zweifellos läßt sich das
eine nicht gegen das andere aufwiegen, es bleibt eine
Spannung, eine
unauflösbare Dialektik, durch deren Dynamik
unklar wird, ob man den
Umständen gegenüber eine bestimmte Position
inne hat, oder ob man sie von
ihnen - den berühmten sozialen, politischen und
gesellschaftlichen
Umständen - zugewiesen bekommt. Und das, was man
sich als Erklärung der
eigenen Situation im Großen und Ganzen
zurechtlegt, ist, auch wenn es
pompös als Geschichte bezeichnet wird, immer nur
eine Geschichte -
interpretiert in gewissem Sinn, so objektiv die
Darlegung auch intendiert
sein mag.
Thomas Kilppers Holzschnitt in der ehemaligen
Baskettballhalle auf einem
geschichtsträchtigen Gelände in Oberursel,
ist konkret und metaphorisch in
diesem Problemfeld verortet. Mit dieser Arbeit
versucht er, eine Position
in der Gegenwart zu besetzen, aus der
Überzeugung heraus, daß dies ohne die
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht
möglich ist. In den
Parkettboden hat Kilpper auf einer Fläche von
über dreihundert
Quadratmetern Motive gefräst und geschnitzt, die
mit der Geschichte des
Ortes, den Schicksalen der dort tätig gewesenen
Menschen und seiner eigenen
Biografie zu tun haben.
Die Motivreihe beginnt bei der
Missionarstätigkeit von Kilppers Urgroßvater
in Südostasien, sie bekommt einen ersten
Schwerpunkt aber in der Zeit des
2. Weltkriegs. Das Gelände war ein Sammellager
für gefangene
Luftwaffenpiloten der Alliierten. Sie wurden hier
verhört und interniert.
In dieser Zeit herrschte eine, den Werten der
sogenannten Soldatenehre
verpflichteten Atmosphäre. Diese führte zu
den auch von Kilpper verwendeten
Äußerungen des Respekts für die
verfeindeten Offiziere: "You had your job,
and I had mine."
Am Ende des Krieges wurde das Gelände von
US-Streitkräften übernommen und
hauptsächlich zu geheimdienstlichen Zwecken
benutzt. Der Feind waren nun
nicht mehr die deutschen Streitkräfte, sondern
die kommunistische
Sowjetunion. Mit den ehemals verfeindeten
Nationalsozialisten wurde nun
partiell zusammengearbeitet. Mit der "Operation
Paperclip" versuchten die
US-Amerikaner, deutsche Wissenschaftler und Teile der
politischen Elite für
ihre Zwecke zu instrumentalisieren, und sie entbanden
diese damit der
Verantwortung für deren Arbeit im NS-Staat. Im
Zuge dieser Aktion konnte
etwa Klaus Barbie von Oberursel aus nach Bolivien
entwischen. Und Reinhard
Gehlen, vormals Chef des NS-Geheimdienstes "Fremde
Heere Ost", gründete in
Oberursel den westdeutschen
Auslandsnachrichtendienst, den Vorläufer des
späteren Bundesnachrichtendienstes. Die an
diesen beiden Beispielen
sichtbare personelle Kontinuität und die
über ideologische und politische
Brüche hinweg beständigen
Machtverhältnisse sind für Kilppers Arbeit
ausschlaggebend. Sie verfolgt er bis in die aktuelle
Zeit hinein. Das Bild
der Hinrichtung eines Angehörigen des Vietcong
(in Oberursel wurden
US-Soldaten zur Zeit des Vietnamkriegs im
Anti-Guerillakampf ausgebildet)
und das Bild der Entführung von Hanns-Martin
Schleyer (der als ehemaliges
SS-Mitglied mit Führungsposition in Osteuropa
und als späterer Präsident
des bundesdeutschen Arbeitgeberverbandes Exponent der
erwähnten personellen
Kontinuität auf hoher politischer Ebene war)
sind Beispiele dafür. Hier
kommt Kilppers eigene Biografie ins Spiel. Sie ist
von der
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seines
Vaters als Angehöriger der
Wehrmacht und den politischen Auseinandersetzungen in
den siebziger und
achtziger Jahren im linksradikalen Umfeld
geprägt.
Durch die Bildmotive, die weder thematisch noch
chronologisch streng
geordnet sind, läßt Kilpper die Frage
laufen: "Wo bitte schön kann ich
meine Grauwerte wiederfinden?" Diese Frage zielt auf
den Verlust der
Differenzierungen in der politischen
Auseinandersetzung und der
Beschäftigung mit der Geschichte. Nicht umsonst
benutzt Kilpper als
Vorlagen allgemein bekannte und medial oft verwendete
Fotos. Er erleichtert
damit einerseits den Zugang zur politischen Intention
seiner Arbeit, weist
andererseits aber auch auf den nur vermeintlich
einfachen Zugang zu der
historischen Entwicklung hin, in der wir stehen. Denn
die verläuft
keineswegs an den Polen Schwarz und Weiß, Gut
und Böse. Ihr Verständnis
verlangt weit mehr als eine auf simple Signalwirkung
setzende mediale und
pädagogische Vermittlung.
Das Klischee des Geprägtwerdens durch die
Geschichte dreht Kilpper um - er
benutzt es im druckgrafischen Sinn. In
mühevoller und langwieriger Arbeit
hat er Geschichte in den Boden gestemmt. Er hat den
Geschichte zeigenden
Motiven durch den Akt der körperlichen Arbeit
seine Prägung gegeben. Er hat
sie sich im wahrsten Sinn des Wortes angeeignet. Das
Gefühl des
Überwältigtwerdens von der Geschichte hat
er in der Arbeit an diesem
Holzschnitt in die Energie des
Überwältigens umgewandelt. Daß er dabei
den
Parkettboden zerstört, ihn mit Kreissäge
und Fräse zerschnitten hat, ist
nicht der unwichtigste Aspekt. Denn der einst
funktionale, für das
Baskettballspiel benutzte Fußboden kann als
Sinnbild einer
fertiggeschriebenen und unveränderbaren
Geschichte gesehen werden - die von
Kilpper ihrer Autorität beraubt wird. Seine
Arbeitsweise ist auch mit der
des Sampelns im Hip Hop zu vergleichen. Genauso wie
dort afroamerikanische
Musiker bestimmte Elemente einer "weiß"
geprägten Popgeschichte verwenden,
um einer eigenen Tradition bewußt zu werden,
verwendet Kilpper Samples aus
der "offiziellen" Geschichte, um sie mit seiner
eigenen zu konfrontieren,
um sie zu seiner eigenen zu machen.
Das Problem der bloßen Umkehrung hat er
formal gelöst. Denn der riesenhafte
Holzschnitt ist als solcher bestenfalls eine
Hälfte der Arbeit. Er ist
sozusagen nur das Werkzeug für einen weiteren
Schritt. Denn die gesamten
Motive sind spiegelverkehrt zu sehen. Der Holzschnitt
ist also ein Negativ.
Von ihm wiederum kann man Abdrucke nehmen, die die
Motive seitenrichtig
zeigen. Er ist der Druckstock für die Bilder,
die Kilpper auf verschiedene
Materialen druckt. Deren Beschaffenheit und Herkunft
spielen bei der
Verwendung eine Rolle. Die Gardinen und Tapeten
stehen für die Grenze
zwischen privatem und öffentlichem Raum,
während Werbeplakate und der
Flaggenstoff an sich für unterschiedliche Formen
der Beeinflussung durch
Symbole und Identitätsangebote benutzt werden.
Kilpper hängt die
unterschiedlichen Drucke größtenteils an
Leinen im Raum der ehemaligen
Sporthalle auf und konfrontiert die Positive mit
ihrem, den Boden
bedeckenden Negativ. Der Betrachter findet sich in
der Mitte wieder. An ihm
ist es, die verlorengegangenen Grauwerte in der
Auseinandersetzung mit den
gezeigten Motiven und den von Kilpper gezogenen
Verbindungen
wiederzufinden.
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